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Anton Hueber

Von Lehrlingsausbildung und siamesischen Zwillingen

Zum 150. Geburtstag des Organisators der modernen österreichischen Gewerkschaftsbewegung

Die Einen hielten ihn für einen gefährlichen Anarchisten, Andere für einen genialen Kopf und treuen Sozialdemokraten. Wer war also dieser am 26.September 1861 im westböhmischen Pilsen geborene Anton Hueber?

Der Grund warum der "Vater" der modernen Gewerkschaftsbewegung beinahe in Vergessenheit geraten ist, liegt sicherlich unter anderem am mangelnden literarischen Erbe. Kaum sind richtungsweisende Artikel noch theoretische Schriften aus seiner Feder überliefert. Der sehr umstrittene Gewerkschafter, weder Literat noch ein Mann großer Worte. Seine Redebeiträge bei Konferenzen und Kongressen fielen stets sehr spärlich aus.

Durch die Armut radikalisiert

Als vierzehntes Kind in eine sehr arme Arbeiterfamilie geboren, war es für Hueber nicht möglich sich eine fundierte Bildung anzueignen. Schon zwei Jahre nach seiner Geburt verstirbt der Vater und die Krankheit der Mutter zwingt ihn später, so schnell wie möglich Arbeiten zu gehen. Nur drei Jahre konnte er in die Volksschule gehen, um danach als Kind durch Hilfsarbeiten zum Überleben der Familie beitragen zu können. In der Hoffnung auf ein besseres Leben siedelte sich die Familie schließlich in Wien an. Hier begann Anton mit vierzehn Jahren seine Lehre als Drechsler.

Geprägt durch die familiäre Armut, das mangelnde Essen und die Schläge seines Lehrherren beginnt er sich nach und nach für Politik zu interessieren. Besonders die radikale, nicht die sozialdemokratische, Arbeiterbewegung hat es ihm zunächst angetan. In den kurzen Nächten nach der Arbeit widmet er sich im Selbststudium den Schriften der Anarchisten. Offen bekennt er sich später zu seinen Jugendlektüren und wird dadurch in Gewerkschaft und sozialdemokratischer Partei von vielen als Radikaler angefeindet.

Privat findet er in der Verbindung mit Josefa Kordon sein Glück, die er 1889 heiratet und aus deren Ehe vier Kinder entstammen. Aufgrund seiner finanziellen Situation war es bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr stets die Arbeit die im Mittelpunkt seines Lebens stand. Erst 1891 wird er in der Arbeiterbewegung aktiver. Zunächst gründet er einen Fachverband der Holzdrechsler dessen Vorsitzender er auch wird. 1892 wird er zum Gehilfen-Obmann der Wiener Drechsler und begegnet im Zuge dieser Tätigkeit auch Victor Adler. Dieser erkennt rasch das Potential des jungen Mannes und beginnt ihn zu fördern.

1893 ist Hueber Delegierter am Gründungskongress der österreichischen Gewerkschaftskommission, dem ersten nationalen Zusammenschluss von Gewerkschaften, Facharbeiter- und Bildungsvereinen. Bereits ein Jahr darauf, als Gewerkschaftsvertreter zum Parteitag der Sozialdemokratie delegiert, zeigt sich seine Radikalität in Form eines Antrages auf Abhaltung eines Generalstreiks zur Einführung des allgemeinen Wahlrechts sowie des Achtstundentages. Adler kritisiert die Forderung Huebers polemisch als "Generalunsinn" und es kommt am Parteitag zur offenen Konfrontation und einer Kampfabstimmung die der Gewerkschafter allerdings verliert.

Nach dieser ersten großen Niederlage gibt sich Hueber trotzig und fordert in einer weiteren Rede die Delegierten auf, bei der Neuwahl zum Parteivorstand nur jene Genossen zu wählen "wo wirklich die Parteivertretung das ist, was sie bis heute in Österreich nicht war, eine Parteivertretung der Einigkeit" (Protokoll des vierten österreichischen sozialdemokratischen Parteitages. Wien, 1894, Seite 94). Victor Adler nimmt auch diesen weiteren Angriff auf seine Person sehr gelassen und kann sich, dank seiner Autorität, ohne Probleme durchsetzen.

An der Spitze der Gewerkschaftsbewegung

Im Gegenteil, wieder ist es Adler der ihn von Seiten der Partei unterstützt, als er am 3.Jänner 1895 zum Sekretär der Gewerkschaftskommission ernannt wird. Überlegt und eindrucksvoll beginnt Hueber seine neue Herausforderung zu meistern. Die aus über 800 Vereinen und Gewerkschaften bestehende Kommission verfügt über nicht einmal hunderttausend Mitglieder. Nur wenige Jahre danach, 1907, sollten es dank der rastlosen Tätigkeit Huebers, bereits über eine halbe Million sein. Nur mit Härte und Durchsetzungsvermögen gelingt ihm die Einigkeit der Organisation zu erhalten. Vor allem die Integration der zahlreichen historisch gewachsenen Bildungsvereine und die Existenz verschiedener Gewerkschaften in oftmals nur einem Betrieb verlangte besonderes Geschick.

Ziel Huebers war eine starke, zentralistische Organisation die nach Industriegruppen gegliedert sein sollte. Aber gerade jener für den Aufbau einer kämpferischen und starken Organisation so wichtige Zentralismus sollte für ihn später zu einem großen Problem werden.

Der neuen Organisationsstärke bewusst, scheut Hueber auch nicht die direkte Herausforderung mit den Kapitalisten. Er selbst stand 1899 beim großen zwei Monate andauernden Streik der Brünner Textilarbeiter an der Spitze der protestierenden Proletarier. 1901 endete der von ihm angeführte Streik der böhmischen Bergarbeiter mit einem Sieg und der Einführung des Achtstundentages im Bergbau. Diese Erfolge waren es schließlich, die viele Kritiker aus den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie verstummen ließen.

Das Hueber´sche Aufbauwerk hatte sich bewährt

Getrübt wurde der Siegeszug der österreichischen Gewerkschaftsbewegung allerdings durch den immer stärker werdenden Nationalismus im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Die tschechischen Arbeiterinnen und Arbeiter forderten die Errichtung einer eigenen Gewerkschaftskommission für Böhmen und Mähren mit Sitz in Prag. Hueber nahm diese Forderung sehr persönlich und lehnte sie als überzeugter Zentralist und Internationalist ab. Es musste seiner Meinung nach doch möglich sein, alle Nationalitäten in einem Gewerkschaftsverband vereinen zu können.

Am Gewerkschaftskongress machten die Tschechen schließlich einen neuerlichen Vorstoß und boten als Lösung des Streites an, neben Hueber, einen gleichberechtigten tschechischen Sekretär in der zentralen Gewerkschaftskommission zu installieren. Auch dies lehnte Hueber kategorisch ab. Am Kongress war es diesmal Victor Adler der sich als Delegierter der Partei bei ihm revanchierte. Er unterstützte den Vorschlag der tschechischen Separatisten und brüskierte damit Hueber ganz offen. Doch konnte sich Hueber durchsetzen, die Delegierten "seines" Kongresses lehnten mit großer Mehrheit den tschechischen Antrag ab.

Die Spaltung wurde allerdings damit nicht verhindert sondern beschleunigt, denn ab 1897 gab es in Prag einen eigenen tschechischen Gewerkschaftsverband. Die Diskussion über den tschechischen Separatismus hielt viele Jahre an. Auch in der Partei wurde stets darüber diskutiert und Hueber griff aus diesem Grund Adler nochmals am sozialdemokratischen Parteitag 1911 persönlich an: "Wir kennen seine Art seit dreißig Jahren, wie er es macht, um beiden recht zu geben und beiden eine herunterzuhauen. Aber in dieser so wichtigen Stunde geht es nicht um diese Taktik anzuwenden" (Protokoll des Parteitages der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs. Wien, 1911, Seite 215).

Letztlich wurde beiden "Streithähnen" klar, dass der Eine in der Partei und der Andere in der Gewerkschaft uneingeschränkt das Sagen hatte. Niemand wusste allerdings wie eng sich Adler und Hueber letztlich waren. Erst nach Adlers Tod verlas Hueber einen an ihn adressierten Brief seines vermeintlichen Widersachers aus den achtzehnhundertneunziger Jahren: "Die Partei hat in Österreich für die Gewerkschaften soviel getan wie in keinem anderen Lande. Sie hat auch von den Gewerkschaften soviel empfangen wie in keinem anderen Lande. Partei und Gewerkschaften sind bei uns siamesische Zwillinge; das hat seine Unbequemlichkeiten, aber sie zu trennen, wäre eine lebensgefährliche Operation für beide. Diesen Satz möchte ich testamentarisch festlegen" (Hannak, Jacques: Männer und Taten. Zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung. Wien, 1964, Seite 55).

Siegeszug der Gewerkschaften

Die Stärke der großteils geeinten Arbeiterbewegung veranlasste die absolutistische Monarchie im Laufe der Jahre zu Zugeständnissen. Dazu gehörte das ab 1907 eingeführte allgemeine und geheime Wahlrecht für Männer, sowie einige sehr zaghaft durchgeführte Sozialreformen. Erst mit dem Untergang Österreich-Ungarns nach dem blutigen Ersten Weltkrieg und durch die Errichtung einer demokratischen Republik konnten die Gewerkschafter eine revolutionäre Sozialgesetzgebung durchsetzen. Neben zahlreichen Gesetzen wie jenes über den allgemeinen Achtstundentag, das Wahlrecht für Frauen und das Betriebsratsgesetz waren es besonders die Gesetze über die Arbeitslosenversicherung und die Gründung der Arbeiterkammern für die sich Hueber persönlich erfolgreich einsetzte. Sein Mandat als Parlamentarier ab 1919 verstärkte die Durchsetzungskraft Huebers als Gewerkschafter zusätzlich.

Die Demokratie bot der Arbeiterbewegung endlich die notwendige Entwicklungsgrundlage, so gelang es der Gewerkschaftskommission in der Ersten Republik sogar über eine Million Mitglieder zu werben. Die so erstarkten Gewerkschaften konnten bis zum Beginn der Weltwirtschaftskrise von 1929 viele Erfolge erzielen. Ein Jahr zuvor wurde die Gewerkschaftskommission von Hueber in den Bund freier Gewerkschaften Österreichs umbenannt.

International war der Gewerkschaftsbund nicht nur wegen seiner Mitgliederstärke hoch angesehen, das moderne und straffe Organisationsprinzip machten die österreichischen Gewerkschaften auch zum weltweiten Modell. Diese Internationalität war Hueber sehr wichtig. An seinem 70.Geburstag, der gleichzeitig mit dem Kongress 1931 stattfand, wurde vom Gewerkschaftsbund als Geschenk diesem Grundsatz entsprechend eine Hueber-Stiftung zum internationalen Austausch ins Leben gerufen. Österreichische Gewerkschaftsfunktionäre sollten damit die Möglichkeit erhalten Erfahrungsaufenthalte bei ausländischen Schwesterorganisationen absolvieren, bzw. Fremdsprachenkurse belegen zu können.
In einer speziellen Sitzung wurde Anton Hueber im Rahmen dieses Gewerkschaftskongresses auch offiziell und feierlich verabschiedet.

Die Festreden spiegelten die über vierzigjährige erfolgreiche Arbeit des Jubilars für die Einheit und Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung wider. Mit dem pathetischen Satz "Ich habe nicht umsonst gearbeitet und habe nicht umsonst gelebt" (Bund der freien Gewerkschaften Österreichs: Protokoll der Verhandlungen des 11. Österreichischen Gewerkschaftskongresses, Wien 1931, Seite 182) bedankte er sich für die Ehrungen und die Unterstützung in vier Jahrzehnten Gewerkschaftsarbeit.

Trotz Niederlagen lebt die Idee weiter

Nur drei Jahre danach musste Hueber als alter kranker Mann der Vernichtung seines Lebenswerkes durch den Austrofaschismus beiwohnen. Nach der brutalen Niederschlagung des Arbeiteraufstandes im Februar 1934, wurde als eine der ersten Regierungsmaßnahmen die Auflösung der freien Gewerkschaften exekutiert. Tausende Funktionäre und Mitglieder aus den Reihen der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften wanderten in Gefängnisse und speziell errichtete Anhaltelager des Ständestaates.

Huebers Wohnung wurde mehrfach von der Polizei heimgesucht, er selbst und seine Familie laufend überwacht. Innerlich gebrochen und verzweifelt verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zusehends bis er schließlich am 9.Juli 1935 vierundsiebzigjährig in Wien verstarb. Sein Begräbnis wurde, obwohl von den Sicherheitskräften abgeriegelt, dennoch zu einer großen Protestversammlung die mit dem Ruf: "Gebt den Arbeitern das geraubte Werk Huebers zurück" (Arbeiterzeitung vom 21. Juli 1935) endete.

In einem Nachruf aus der illegalen Zeitschrift "Die Gewerkschaft" vom August 1935 heißt es ebenso kämpferisch: "Aber der Sieg der Reaktion über Huebers Werk wird nur eine vorübergehende Episode sein. Das ist unser Gelöbnis an der Bahre Huebers" (Die Gewerkschaft,  Mitteilungsblatt für Betriebsräte und Vertrauensmänner, Nr. 8-9/1935).

Und tatsächlich, nach der Niederlage des Austrofaschismus wie auch des Nationalsozialismus, nach dem Wiedererstehen der Republik, gelang es nunmehr auch auf politisch pluralistischer Basis den Traum Huebers von einem einheitlichen und demokratischen Gewerkschaftsbund erfolgreich zu umzusetzen. Österreichs Gewerkschaften sind gerade Dank der erzielten Einigkeit zum aktiven Mitgestalter der Zweiten Republik geworden. Auf Grundlage dieser Stärke ist auch ein moderner Sozialstaat entstanden, der das begonnene Werk Huebers würdig fortsetzt und ausbaut.

Linktipp: www.dasrotewien.at

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