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CHAUVINISMUS

ODER DAS GEFÜHL VON ÜBERLEGENHEIT

Laut einer aktuellen "market"-Studie ist mehr als die Hälfte der Befragten stolz, ÖsterreicherIn zu sein. Schöne Landschaft, gutes Essen und hohe Lebensqualität sind jene Dinge, auf die Herr und Frau ÖsterreicherIn besonders stolz sind. Den kleinen Schritt von Stolz zur Überheblichkeit nennt man dann Chauvinismus. Wenn umgangssprachlich von einem "Chauvi" die Rede ist, dann ist zumeist ein Mann gemeint, der Frauen Männern unterlegen hält.

Europas Oberchauvinisten

Der Begriff Chauvinismus hingegen meint allerdings generell den Glauben an die Überlegenheit der eigenen Gruppe. Chauvinisten können also extreme Patrioten oder auch Machos sein. Dass die ÖsterreicherInnen Europas größte Chauvinisten sind, dazu kam schon eine Studie aus dem Jahr 2006 der University of Chicago. Bei der Studie wurde der Nationalstolz in 33 Ländern abgefragt. Österreich liegt unter den europäischen Ländern auf dem Spitzenplatz. Die anderen sind weit abgeschlagen. Fragen wie "Ich wohne lieber in meinem Land als in jedem anderen" oder "Generell ist mein Land besser als die meisten anderen Nationen" wurden in keinem Land Europas so oft bejaht wie in Österreich. Vor Österreich liegen nur Venezuela, die USA und Australien.

Vermeintliche Überlegenheit

Ursprünglich wurde mit Chauvinismus ein exzessiver, auch aggressiv überzogener Nationalismus bezeichnet, bei dem sich Angehörige einer Nation allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu dieser anderen Menschen und anderen Nationen überlegen fühlt und sie abwertet. Das Wort leitet sich von einem Rekruten namens Nicolas Chauvin ab, der in der Armee von Napoleon Bonaparte diente. Heute wird der Begriff auch für die Zurschaustellung oder das Gefühl vermeintlicher Überlegenheit gegenüber Menschen anderer Hautfarbe oder anderen Geschlechts verwendet.

Katastrophen wecken Stolz

Dass die ÖsterreicherInnen chauvinistischer sind, als andere EuropäerInnen passt ins Bild, ist doch auch die EU-Skepsis hierzulande hoch. Die Identifikation als EuropäerIn steht im Gegensatz zum österreichischen Chauvinismus. Viele, vor allem junge Menschen, in anderen Ländern identifizieren sich genauso mit Europa wie mit ihrem eigenen Land, heißt es in der Studie. Zudem habe Patriotismus in einigen Nationen einen negativen Beigeschmack, was wohl am stärksten für Deutschland gilt.

Einen interessanten Zusammenhang konnten die ForscherInnen aufdecken: Katastrophen scheinen auf die Schnelle Patriotismus zu wecken: Der Nationalstolz stieg in den vergangenen Jahren besonders in Ländern - wie in den USA oder in Australien - die Terroranschläge erlebt hatten. Aber auch innerhalb der untersuchten Länder fanden sich große Unterschiede: Am wenigsten patriotisch sind demnach junge Menschen, Minderheiten und der gut ausgebildete Teil der Bevölkerung.

Männlicher Chauvinismus

Neben dem nationalen Chauvinismus existiert aber auch noch besagter männlicher Chauvinismus: Der Begriff "male chauvinism" wurde in den 1970er-Jahren von der Frauenbewegung geprägt und bezeichnet Männer, die glauben, nur wegen ihres Geschlechts Frauen überlegen zu sein. Und wie es um diesen in Österreich bestellt ist, wurde ebenfalls schon früher unter die Lupe genommen: Das Institut "Spectra" kam im Jahr 2006 zum Ergebnis, dass immer noch 39 Prozent der ÖsterreicherInnen meinen, dass Männer bei logischem Denken und Technik begabter seien. Manche Berufe seien daher für Frauen nicht ausübbar. Unter den Männern waren es sogar satte 48 Prozent. Die Sache mit den Überlegenheitsgefühlen funktioniert nicht nur in Fragen der Nationalität oder des Geschlechtes. Chauvinismus gibt es ebenso bei Glaubensgemeinschaften: Religiöse Chauvinisten meinen, als Angehörige ihrer Religion anderen überlegen zu sein.

Die Besten sind - wir

Als sozialen Chauvinismus bezeichnet man Phänomene, wie etwa Überlegenheitsgefühle Reicher gegenüber Ärmeren, die als "minderwertig" empfunden werden, aber genauso moralische Überlegenheitsgefühle gegenüber einer als gesellschaftlich "höher" stehenden Gruppe. Sozialer Chauvinismus äußert sich auch in Abwertung von Berufsgruppen oder Familienmodellen, wie etwa in der Geringschätzung von Geschiedenen.

Zitiert
"Es ist die Aufgabe einer sozialistischen Bewegung klarzumachen, dass hinter den Phrasen, die in der Nazizeit ,Volksgemeinschaft‘, in der Zeit von 1934 bis 1938 ,Österreich‘ geheißen haben und an deren Stelle heute irgendwelche andere Phrasen wie ,Solidarismus‘ oder ,gemeinsames Zusammenstehen gegen außen‘ getreten sind, sich die kapitalistischen Klasseninteressen verstecken." Erwin Scharf, SPÖ-Parteitag 1947

 

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